Der Wind zog nach Westen und die Arbeiter trieb es nach vorne, tiefer hinein in die Bar. Die stickige Luft legte sich sogleich auf die kalten Gliedmaßen. Der Kontrast war so stark, dass er ihnen die Luft nahm und klammen Schweiß auf ihre Körper legte. Doch die Nacht war endlos und bitterkalt. Keiner würde diesen Ort so bald verlassen.

Er kam später an als gewöhnlich, doch sein Platz war frei. Er schob nach vorne. Bald konnte er sich setzen, an die Bar, gegenüber der Zapfhähne mit seitlichem Blick auf das hintere Fenster. Die Kneipe war gefüllt. An der Theke und an den Tischen saßen Männer mit roten Gesichtern. Auch sein Gesicht brannte und die Haare standen schweißnass zu allen Seiten hin ab. Der Temperaturwechsel machte ihm zu schaffen, war er doch stundenlang durch eisige Kälte gewandert. Seine Fingerspitzen schmerzten.

Zwei Russen kauerten auf den beiden Sitzen neben seinem Stammplatz. Ihre von grauem Staub bedeckten Jacken hatten sie trotz der schweren Luft nicht ausgezogen. Vor ihnen standen zwei zur Hälfte geleerte Bierkrüge. Sie sprachen nicht.

Oljav Morgenson stand hinter der Theke. Alt, dick und verbraucht. Mit müden Gesichtszügen füllte er dem neuen Gast ein Glas ein. Dieser musste sich räuspern, um reden zu können: „–o viel los?“

Die Antwort war nicht mehr als ein Schulterzucken. Der Barmann wandte sich ab. Doch die beiden Russen wurden aufmerksam.

„Es gab einen Einsturz“, sagte der, der ihm am nächsten war. Er schob sein Glas über die hölzerne Oberfläche, bis es mit dem des Neuankömmlings zusammenstieß. Eine müde Variante des Anstoßens. Die Gläser klirrten dumpf. Die mattgelbe Flüssigkeit darin schwappte. „Nicht in unserem Teil. Bei Schichtwechsel.“ Man erkannte den russischen Akzent. So nördlich waren Russen keine Seltenheit. Die Arbeiter kamen von überall her, häufig über Finnland, um hier nach Bodenschätzen zu graben. Vor allem Eisenerz wurde in dieser Gegend gefördert. Weiter im Süden auch Kalkstein und Kupfer.

„BUM, man hat es gehört, bis weit.“ Der zweite Arbeiter beugte sich zu ihnen, sein Glas erhoben. Der Akzent war noch unverkennbarer und sein Gesicht war durchzogen von Schmutz und Anstrengung. „Ein KNALL.“ Pause. „Das verändert.“

Der erst Eingetroffene schälte sich aus seiner Daunenjacke. Hervor kam ein brauner, altmodischer Sakko, unter dem ein dunkelblauer Pullover für zusätzliche Wärme sorgte. Ein fein kariertes Hemd, dessen Kragen der Ausschnitt des Pullovers freigab, wurde mit einer weinroten, schlecht gebundenen Fliege geschmückt. „Was verändert das?“, fragte er.

Die Russen sahen ihn verständnislos an. „Du bist kein Arbeiter.“

Er schüttelte den Kopf und zupfte an der Fliege. Ein Angewohnheit.

Der Russe neben ihm reichte ihm die Hand. „Vyta Goscha Kolenka und Rostja Paschenka. Wir arbeiten in den Minen.“

„Erstaunliche Namen.“ Er schüttelte die Hände der Männer.

„Russkije!“, rief der, namens Rostja.

„Ich stamme aus Litauen“, sagte der andere. „Vyta ist die Kurzform von Vytautas. Wie Vytautas der Große, Großfürst Litauens im 14. Jahrhundert. Er schuf die polnisch-litauische Union. Neuere Version von Tautvydis.“

Sein Gegenüber zog die Augenbrauen hoch mit einer Mischung aus Nicken und vorsichtigem Lächeln.

„Aber sag, was machst du?“, fragte Rostja. Mit seiner rechten Hand, rau von der Arbeit, deutete er auf die Kleidung des Schweden.

„Das ist nur-“, begann dieser, doch brach ab. Stattdessen strich er sich das Haar aus dem Gesicht. „Ich arbeite im Raumzentrum nicht weit von hier“, sagte er. „Ich bin Astronaut.“

„Astronaut?“ Die erschöpften Gesichtszüge des Einen formten ein breites Lächeln. „Kosmonavt!“, rief der andere erfreut.

„Ich habe gehört, dass es hier einen Startplatz für Raketen der Swedish Space Corporation gibt“, sagte Vyta.

Der Astronaut nickte und sie verfielen in Schweigen.

Der Barmann hatte sich inzwischen an einen der Tische nahe der Türe zu den Männern der Stadt gesetzt. Aus dem Stimmengewirr waren nur einzelne Worte zu verstehen. Es war laut. Unverständliche Sprachfetzen pochten in den Ohren des Astronauten. Er war müde. „Die nächsten gehen auf mich.“ Er deutete auf die Krüge der Arbeiter und lachte so breit, als würden seine erschöpften Gesichtsmuskeln sich dadurch an diese Haltung gewöhnen. Die Russen nickten ihm zu.

Es war unverkennbar, dass er ein komisches Bild abgab. In eine andere Bar, in ein anderes Dorf hätte er vielleicht hinein passen können, doch in Kiruna war keine Kleidung ohne Staub, und Fliegen, selbst wenn schlecht gebunden, sah man nur in der Kirche. Hinzukam, dass die Leute so hoch im Norden dazu neigten, ihre Kleidung an die Dunkelheit anzupassen. Farben waren gedeckt und kamen spärlich zum Einsatz. Den Astronauten jedoch sah man, sahen ihn auch nur wenige überhaupt einmal, in ungewöhnlichen und kräftigen Farbkombinationen.

„Der Knall, von dem ihr erzählt habt“, sagte der Astronaut schließlich. „Von sowas habe ich auch schon gehört. Mit einem Knall fing alles an.“

„Ah ja?“ Ob sie nur abgearbeitet waren oder wenig interessiert an seinen Worten, war schwer auszumachen. Es beirrte ihn nicht. Tatsächlich erinnerten sich seine Lippen, Wangen und Augen an das begeisterte Lächeln.

„Schauen Sie jetzt hinaus aus dem Fenster und Sie werden Sterne sehen. Alles – Raum, Zeit, Materie – entstand in einer riesigen Explosion, einem Energieblitz, dem Urknall. Das war vor rund 13,7 Milliarden Jahren. Ohne diesen Knall gäbe es weder Erde noch Sonne, Galaxien und Sterne.“

„Ich weiß“, sagte Vyta. „Wir hatten Physik auf der Schule in Russland.“

Der Astronaut hielt inne. „Sagten Sie nicht, Sie stammen aus Litauen?“

„Ja, da stamme ich her. Mit sieben Jahren bin ich rüber nach Russland. Dort bin ich auch auf die Universität gegangen. Danach wieder zurück. Dann hierher.“

Der Astronaut nickte und beendete damit die Unterbrechung. „Damals herrschte Chaos.“ Er lächelte. „Elementarteilchen beherrschten das Universum.“

„Es ist gleich“, rief Rostja plötzlich und nahm einen großen Schluck aus seinem Krug. „Bei deinem Knall war Chaos und bei unserem Knall war auch Chaos. Es ist der Anfang von große Arbeitslosigkeit.“

„Der Urknall war keine Explosion irgendwo im All“, fuhr der Astronaut unbeirrt fort. „Der Urknall erklärt nicht einmal, wie das Universum seinen Anfang hatte. Die Urknall-Theorie sagt nur, dass sich alles ausdehnte und abkühlte. Wir wissen nicht, was vorher war.“

„Ich hoffe, es war eine Explosion. Sprengstoff. Jemand war dumm“, sagte Rostja.

Der Astronaut blickte den Fremden an und runzelte die Stirn.

„Bei einem Einsturz durch Fäulnis dürfen wir nicht mehr hinunter. Dann lassen sie uns nicht mehr“, erklärte Vyta.

Brände gab es in den Bergwerken oft. Erst vor ein paar Jahren hatte ein besonders großes Feuer Schlagzeilen in ganz Schweden gemacht, das in 1338 Metern Tiefe ausbrach und 400 Bergleute einschloss. Regelmäßig musste die Mine auf bestimmte Zeit geschlossen werden, um Männer zu retten und Schäden zu beseitigen.

Der Astronaut nickte. „Das Verrückte ist“, setze er an, „eigentlich hätte es gleich viel Materie und als Gegenstück Antimaterie geben müssen. Wenn dem so gewesen wäre, hätten sich beide Teile in einem Blitz reiner Energie vernichtet. Was auch geschah. Doch etwas blieb übrig. Die Schöpfung war nicht symmetrisch und ein Materiepartikel blieb bestehen. Daraus ist alles entstanden. Deshalb existieren wir. Niemand weiß, wo die Antimaterie geblieben ist. Und eine Frage bleibt: Warum gibt es etwas und nicht nichts?“

Juri kam und stellte sich vor das Fenster. Durch die Scheiben konnte man kaum nach draußen in die Nacht blicken. Wie immer lag etwas Erhabenes in der Art, wie er sich bewegte. Doch der Astronaut wandte sich von seinen russischen Sitznachbarn nicht ab, sondern rief nach Oljav und bestellte drei weitere Krüge. So oder so, mit einem Knall fing alles an.