„Ich lebte auf einem Bauernhof“, sagte Vyta. „Wir hatten eine Ziege, die lebte bei uns im Haus. Mein Sohn liebte es, mit ihr zu spielen. Wir hatten auch andere Tiere, aber nie so viele, dass wir gut davon leben konnten. Ich habe die schönste Frau, den schönsten Jungen und die schönsten drei Mädchen. Bist du verheiratet?“

Der Astronaut schüttelte den Kopf.

„Ich habe in Russland studiert auf einem Institut. Bauingenieur. Dann ging ich mit meiner Familie nach Schweden. Es gab Schwierigkeiten mit meinem Diplom. Ich musste die Sprache lernen und bekam einen Job als Vorarbeiter bei KM 〈fiktive Firma〉. Jetzt lebe ich am Rand der Stadt. Meine Frau arbeitet bei dem Supermarkt in unserer Gegend. Vor drei Wochen entdeckte sie einen Riss im Boden, hinter den Regalen, als sie kartoschka 〈Kartoffeln〉 einlagerte. Die Kirche, zu der wir jeden Sonntag gehen, wurde geräumt. Man fürchtet, dass die alten Gebäude nicht standhalten. Wohnst du auch in der Stadt?“

„Ich wohne außerhalb.“

Rostja kam schwerfällig von der Toilette zurück zu seinem Platz. Der Stuhl knarzte. Er leerte den Bierrest in einem Zug.

„Unsere Gegend wird immer leerer. Zwei Häuser sind eingestürzt“, fuhr Vyta fort.

„Mein Frau drängt“, sagte Rostja und stieß auf. „Noch eins!“, rief er dem Barmann zu. Dann wandte er sich wieder an seine Gesellschaft. „Sie möchte weg von Haus, aber wir haben noch keinen Platz.“

„Ihr seid von den Umsiedlungen betroffen“, sagte der Astronaut.

Sie nickten.

„Das Bergwerk höhlt den Boden aus. Im Nachbarhaus sind schon Löcher im Keller. Risse ziehen sich vom Boden bis in die Wände. Bei größeren Explosionen im Bergwerk spürt man die Erde beben.“

„Es wird dennoch weiter abgebaut.“

„Kiruna ist auf dem aufsteigenden Ast.“

Sie tranken, als wäre das Thema damit geklärt.

Die Stadt bricht auseinander, sagte Juri. Für die Wirtschaft.

„Für die Wirtschaft“, murmelte der Astronaut.

„Für die Wirtschaft!“, riefen die Russen. Sie stießen ihre Krüge gegeneinander. Dann verfielen sie wieder in Schweigen. Auch der Astronaut war in Gedanken versunken.

„Es ist gefährlich“, begann Vyta schließlich.

Rostja nickte nachdenklich. „Habt ihr gehört von kleinem Junge? Ist in Loch gefallen. Hinten bei altem Stollen.“

„Ich habe meinen Kindern gesagt, sie sollen nicht bei den Rissen spielen“, sagte Vyta.

„Im All ereignen sich weit größere Tragödien.“

Sie beachteten nicht, was er sagte.

„Wenn die neuen Häuser stehen, müssen wir uns keine Sorgen mehr machen.“ Vyta hob seinen Krug. Es war der vierte des Abends. „Auf die neuen Häuser!“

„KM ist großzügig!“, rief Rostja und stieß seinen Krug mit voller Kraft gegen Vytas. Bier schwappte über.

„Großzügig?“ Der Astronaut verzog das Gesicht. „Was sie der Stadt an Geld geben, wird nicht reichen für die Umsiedlungen. Anstatt den Bergbau einzustellen, gräbt KM weiter und tiefer in den Boden, bis die ganze Stadt in den Minen versinkt.“ 〈Achtung: Fiktion.〉

Du siehst nur einen Teil, sagte Juri.

„Sie nicht können aufhören.“ Rostja sah ihn an, als würde er etwas nicht erkennen, das klar und deutlich war.

„Das Eisenerz unter Kirnunavaara und Luossavaara hat sechzig bis siebzig Prozent Eisengehalt“, erklärte Vyta. Doch was genau, ihm damit erklärt werden sollte, verstand der Astronaut nicht.

„Wir machen jährlich vierundzwanzig Millionen Tonnen Roherz und beliefern die gesamte Europäische Union.“

Der Astronaut fuhr sich durchs Haar und blieb mit den Fingern in seinen verschwitzten Locken hängen.

„Wir sind davon abhängig“, beharrte Vyta. „Die ganze Stadt ist davon abhängig.“

Sie waren Minenarbeiter. Und sie würden umziehen, wenn man das von ihnen verlangte.

„Wenn die schwarzen Löcher die halbe Stadt verschlungen haben, denkt ihr anders.“ Er glaubte selbst nicht an seine Worte. Sie würden weiter graben, so wie sie es auch jetzt taten.

„Schwarzes Loch?“ Vyta lächelte ihn an. „Du sagtest, im All gibt es Schlimmeres als einstürzende Städte?“ Er wollte wohl nur das recht unangenehm werdende Thema wechseln.

Der Astronaut sah zu Juri, doch der hatte sich wieder dem Fenster zugewandt. Seine muskulöse, aber schlanke Statur war nur spärlich mit Licht beleuchtet. Sein Gesicht konnte er nicht sehen, doch der Astronaut wusste, dass er einen unbestimmbaren Blick aufgesetzt hatte. Er war nicht auf der Erde.

Der Astronaut sah weiter ins Nichts, als er wieder anfing zu sprechen. „Als wir von den Sonnen redeten und dem Licht, habe ich euch nicht alles erzählt,“ begann er. „Einmal habe ich etwas gesehen, eine Sonne, die war so heiß, dass sie in blauem Licht leuchtete. Ein gigantisch großer Stern, entstanden im Nebel. Blaue Sonnen gibt es nur selten. So groß, dass unsere Sonne acht Milliarden Mal darin Platz finden würde. Diese gigantischen Sterne strahlen so viel Energie ab, dass sie nur an die hunderttausend Jahre überleben, bevor sie zu einem Hyperriesen expandieren, der so hell scheint wie hunderttausend Sonnen zusammen. Bis er vergeht in einer Supernova, explodiert und kollabiert.“

„Gesehen?“, sagte Rostja leise.

„Solche gigantischen Sterne stehen im Gleichgewicht“, der Astronaut hob seine Stimme auch, um Juris Aufmerksamkeit wieder zu gewinnen, „denn die Schwerkraft zieht die Masse in sie hinein, während die Hitze sie hinaustreibt. Erlischt der Stern, zieht nur noch eine Kraft. Die Schwerkraft drängt die Materie und verdichtet sie auf engstem Raum. Der Stern kollabiert unendlich klein. Es entsteht ein Schwarzes Loch. So tief, dunkel und zerstörerisch wie niemand es sich auszumalen vermag.“

Er blickte die Russen an, die ihm aufmerksam zuhörten. „Diesen Weg gehen also die Blauen Sonnen. So riesig und unfassbar schön. Dann saugen sie als Schwarze Löcher das Nichts in sich ein.“ Der Astronaut senkte den Kopf, betrachtete seine Hände. „An der Grenze eines Schwarzen Lochs bleibt die Zeit stehen. Würde ein Astronaut sich einem Schwarzen Loch nähern, zöge es ihn immer schneller ein, je näher er käme. Betrachten wir es von der Erde aus, triebe er aber immer langsamer auf das Nichts zu. Jahrhunderte würden vergehen, die für ihn nur wenige Stunden wären. Kommt er schließlich am Rand des Lochs an, friert er ein. Steht still. Bleibt ein Abbild. Er selber, aus seiner Sicht, würde hineingesogen werden. Die Schwerkraft zieht ihn in die Länge, zerlegt ihn in seine Atome und löst schließlich auch die Atome auf. Womöglich verschmelzt er mit dem Kern. Wer weiß schon, was im Innern vor sich geht. Das ist alles Theorie.“

Vielleicht fängt es so an, sagte Juri.

„Wie gerne würde ich das erleben“, flüsterte der Astronaut. Seine Augen leuchteten.

Rostja kratze sich unbehaglich an der Wange. „Gibt schöneren Tod“, raunzte er.

„Wisst ihr, womöglich ist alles aus einem Schwarzen Loch entstanden“, antwortete der Astronaut. „Vielleicht ist im Innern ein Universum. Schließlich weiß niemand, woraus der Urknall entstand. Was danach passierte, das wissen wir. Was, wenn es das ist, was davor war. Ein schwarzes Loch. Ein schwarzes Loch, das so viel Materie in sich aufsog, so groß wurde, dass es all diese Materie heraus schoss, aus der wir uns letztendlich bildeten. Was, wenn alles in einem Schwarzen Loch vergeht und daraus auch wieder entsteht. Das war der Anfang.“

„Vielleicht hast du Recht“, sagte Vyta leise.

Doch der Astronaut ignorierte es. „Im Zentrum einer jeden Galaxie existiert ein gigantisches Schwarzes Loch. Wahrscheinlich entstand es durch viele kleine. Das Schwarze Loch im Zentrum der Milchstraße heißt Sagittarius A*. Vier Millionen Sonnenmassen. Vielleicht zieht es uns irgendwann ein. Und vielleicht entsteht dann etwas Neues.“ Der Astronaut verstummte. Plötzlich sah er aus, als würden tausend Gedanken in seinem Kopf herumwirbeln. Müdigkeit legte sich auf sein Gesicht. „Neutronensterne“, sagte er unvermittelt. „Es gibt noch eine weitere Art, wie Schwarze Löcher entstehen können. Diese ist aber noch seltener. Neutronensterne, Kerne einer Supernova, heiß und dicht, treffen sich, und wirbeln paarweise umeinander. Sie kommen sich näher, bis sie zusammenstoßen. Es gibt eine riesige Explosion, einen Gammastrahlenausbruch. In einer Mikrosekunde wird mehr Energie frei, als die Sonne während ihrer ganzen Lebenszeit abgibt. Die Sterne kollabieren unendlich klein. Es entstehen Schwarze Löcher. Gäbe es eine Kollision von Neutronensternen nah genug an der Erde, würde es sie zerreißen.“

Kurze Stille.

„Das passiert, wenn Neutronensterne umeinander wirbeln und kollidieren. Auch Galaxien kollidieren. Es dauert nur seine Zeit. Die Sterne der Galaxien werden durcheinander gewirbelt, aber sie stoßen nicht zusammen. Bei soviel Nichts zwischen all den Sternen und Planeten ist das einfach zu unwahrscheinlich. So bewegen sich Galaxien ineinander ohne, dass wir es bemerken, ohne Katastrophe. Ohne riesiges Schwarzes Loch.“

Vielleicht tanzen sie, sagte Juri.

„In vier Millionen Jahren kollidiert unsere Milchstraße mit der Andromeda Galaxie.“

„Das ist noch lange hin“, sagte Vyta ruhig.

„Es beginnt schon.“

„Nur Mut, Junge“, sage Rostja. „Ist nicht schlimm.“ Er berührte den Arm des Astronauten, sanft und ruhig.

Der Astronaut fragte sich unwillkürlich, was die beiden Arbeiter wohl von ihm hielten.

Sie lächelten ihm zu.

Nach einer kurzen Pause sagte er: „Ich verstehe nicht, wieso niemand protestiert. Diese Straßen sind ihre Heimat. Hier sind sie aufgewachsen. Die Kirche ziert Briefmarken. Hier leben achtzehntausend Menschen und keinen stört, was KM tut. “ 〈Achtung: Fiktion.〉

„Nur drei Kilometer weg“, sagte Rostja.

„Was ist die Alternative?“ Vyta lächelte müde. „Der Großteil der Einwohner arbeitet in der Mine. KM beschäftigt zweitausendeinhundert Mitarbeiter allein in Kiruna. Die Mine macht das Geld. Die Arbeiter vertrauen der Mine mehr als ihrer Lokalpolitik.“

„Wird neue, schöne Stadt“, sagte Rostja. „Sechshundertvierzig Millionen gibt KM. Kirche kommt mit.“

„Das ist sowieso das Lächerlichste, was ich je gehört habe. Glaubt ihr, es ist das selbe, wenn die Kirche einfach mitgenommen wird? Glaub ihr, es ist dann immer noch Heimat? Nur weil die Kirche und das Rathaus noch so aussehen wie früher,“ rief der Astronaut. „Seit Jahren steht die Stadt still! Keiner tut mehr irgendwas, immer heißt es nur, bald ziehen wir um.“

„Wir bald ziehen um“, sagte Rostja und nickte bestimmend.

Der Astronaut starrte ihn an.

„Meine Heimat ist Russland.“ Rostja sagte das fast entschuldigend. „Mir ist egal, wie Straßen hier aussehen. Hauptsache keine Löcher.“ Er nickte dem Astronauten nochmals zu und trank.

„Das hier ist deine Heimat“, sagte Vyta.

„Nein“, sagte der Astronaut entschieden. Er sah zum Fenster und zu Juri. „Das ist nicht meine Heimat.“

Plötzlich schien es, als durchfuhr ihn etwas und das breite Grinsen legte sich zurück auf seine Lippen. Er drehe sich den Russen zu und sagte: „Meine Heimat ist der Weltraum. Und dort ist Kiruna bedeutungslos. Dort sieht man die Städte nicht. Kann sie nicht erreichen, selbst wenn man es wollte. Es ist so unendlich weit weg. So wunderschön. So unwahrscheinlich.“