„Was wird morgen sein?“, fragte Vyta. Mittlerweile hatten auch die anderen beiden ihren zweiten Krug geleert. Sie beobachteten Oljav dabei, wie er weitere drei füllte. In jeweils einen Krug goss er das schäumende Bier bis zur Hälfte, stellte den Krug ab und nahm den nächsten. War das erledigt, wandte er sich wieder dem ersten zu, füllte die Krüge nacheinander bis zum Rand und schob sie den Kammeraden über die Theke.

Die Stimmung in der Bar war lauter und ausgelassener als zuvor. Gesprächsfetzen warfen Wörter wie Brand und befreite Arbeiter über die hölzernen Tische zu ihnen herüber. Der Astronaut betrachtete den Schaum seines dunkelgelben Bieres und sah zu, wie sich das, mit dem Zapfhahn eingerückte Emblem langsam auflöste. Oljav schätzte die irischen Pubs, auch wenn er wohl wenig davon verstand.

„Ich würde nicht behaupten, ich liebe die Arbeit. Aber ich brauche sie.“ Der Russe griff nach seinem Krug. Tropfen flossen an den Seiten über seine raue Hand.

Der andere stupste ihn grinsend an. „Wir sind Russkije! Wir nicht weglaufen von Steinen!“ Er lachte laut, mit dem ganzen Körper.

„Habt ihr keine Angst?“, fragte der Astronaut.

Rostja lachte nur lauter. Doch bevor er von der Stärke russischen Blutes anfangen konnte, beantwortete Vyta die Frage: „Wir werden durch die Gewerkschaft geschützt.“ War es so einfach? „Wir sind hier nicht in Russland. Hier holt man uns raus.“

„Worum es geht, ist Geld.“ Rostja rieb mit bedeutendem Blick die Finger aneinander. „Wenn sie uns raus holen, kriegen wir viel Geld. Aber wenn sie uns nicht mehr hinein lassen – oh oh oh!“ Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Kampez!“ 〈Das war’s.〉

Seine lauten, hektischen Gesten ließen den Astronauten zusammenzucken. Er wandte sich von ihm ab und wieder seinem Glas zu.

Sie wissen nicht, wie klein sie sind, sagte Juri langsam. Er stand noch am Fenster, mit dem Rücken zu ihnen, blickte hinaus ins Schwarze.

„Wir werden geschützt durch Jupiter.“ Der Astronaut sah die beiden wieder an. Etwas Eindringliches lag in seinem Blick. Er wollte, dass sie verstanden.

„Nein, nein. Ge-werk-schaft“, sagte Vyta. Seine Gestikulation war bedächtiger, ruhiger.

„Planet ist griechisch für Wanderer. Der Jupiter ist der größte Planet unseres Sonnensystems. Er ist rund elf Mal so groß wie die Erde und umfasst ein Zehntel der Sonne. In ihm finden alle übrigen Planeten Platz. Er ist ein Gasriese, ohne sichtbare feste Oberfläche. Wärd ihr auf dem Jupiter, dann müsstet ihr Angst haben um den Boden unter euren Füßen.“

Rostja klopfe drei Mal auf die Holzoberfläche.

„Viel wichtiger ist: Er beschützt uns! Die Menschheit würde schon lange nicht mehr existieren, wenn er nicht wäre. Oder wir hätten erst gar nicht damit angefangen.“

„Junge, was erzählst du uns?“ Rostja zog das Gesicht grimmig zusammen.

Die Hände des Astronauten ruhten ruhig auf der Platte der Theke. Plötzlich fuhr er vor, näher zu den Russen, die sich reflexartig nach hinten lehnten. Wie Magnete, die sich gegenseitig abstießen. „Er ist wie ein Schutzschild!“, rief er. „Er zieht alles, was unsere Erde mit einem Aufprall zerstören würde in seine Umlaufbahn oder in sich hinein, wo es vergeht! Gäbe es Jupiter nicht, wäre die Menschheit bereits vernichtet!“ Er schlug die Hände auf die Holzoberfläche, die Gläser klirrten. „Er ist der König der Planeten! Seine Größe beträgt das elffache der Erde und er rotiert schneller als jeder andere Körper unseres Sonnensystems! Durch Jupiter und die Monde, die ihn umkreisen, erkannte Galileo, dass die Erde nicht der Mittelpunkt von allem sein kann! Durch ihn besann man sich der Fakten, der Vernunft, des Wissens!“

Jupiter ist nicht dein Gott, sagte Juri.

„Als unser Sonnensystem entstand, war es so heiß, dass die Wasserstoffmoleküle nach außen getrieben wurden! Deshalb entstanden die Gasriesen am Rand! Hätte Jupiter mehr Materie, wäre er zu einem Stern geworden! Was nicht viele wissen ist, dass Jupiter auch Ringe besitzt aus feinen Staubteilchen. Bei Gegenlicht können Sonden sie erfassen!“ Er redete sich immer mehr in Rage.

„Was ist mit den kleinen Dinos, Astronaut?“, fragte Rostja und stellte mit seinen Händen kleine Figuren nach, die fröhlich umher hüpften, bis Vytas Faust auf sie herabstürzte und das Schauspiel beendete.

Der Astronaut holte Luft und lächelte. Sie hörten ihm zu.

„Da konnte Jupiter nichts tun“, sagte er. „Faszinierenderweise gibt Jupiter Energie ab. So viel Energie, wie er selbst von der Sonne bekommt. Das liegt daran, dass er sich zusammenzieht. Zur Zeit seiner Entstehung war er noch doppelt so groß wie heute.“ Er hielt inne und nutze die Zeit für einen großen, hastigen Schluck Bier. Dann fuhr er fort: „Was auch noch interessant ist: Auf dem Jupiter tobt ein riesiger Wirbelsturm. Auf der Erde flachen solche Zyklonen ab, wenn sie auf Land treffen. Doch dort gibt es ja keines. So tobt er weiter, unaufhaltsam, und wird größer.“ Er griff in die linke Tasche seiner Winterjacke und legte ein gefaltetes Foto auf den Tresen neben die Gläser der Russen.

Sie sagten nichts. Schließlich nahm Vyta es in die Hand und sie sahen es sich an.

„Das ist Jupiter.“ Die Stimme des Astronauten klang feierlich. „Seht ihr den großen roten Fleck auf der Oberfläche? Der Sturm ist größer als die Erde. Stellt euch vor, was er mit euch anrichtet. Was macht ihr euch Sorgen um den Boden unter euren Füßen?“

Rostja nahm Vyta das Foto aus der Hand, legte es zurück auf die Theke und schob es von sich weg. „Es betrifft mich nicht“, sagte er entschieden.

„Astronaut, verstehst du, uns kann jeden Tag die Decke über dem Kopf zusammenbrechen oder der Boden unter den Füßen. Ich habe nicht Angst vor Luft oder Wind, unerreichbar für uns. Ich habe Angst vor Stein.“ Vyta wollte, dass der Astronaut es verstand.

Sie haben Recht, sagte Juri.

Der Astronaut schüttelte den Kopf. „Steigt nicht hinab“, rief er. „Seht nach oben!“ Er hob die Hände in die Luft.

Du verlierst den Boden, sagte Juri.

Die Russen wurden unruhig, warfen sich erschrockene Blicke zu. Was war das für ein Mann, fragten sie sich wohl. „Wir sollten gehen.“

Doch keiner stand auf. Stattdessen nahm jeder von ihnen einen Schluck Bier.

Er hätte gehen können, aber er wollte, dass sie etwas begriffen. Es war ihm wichtig. „Ich erzähle nicht weiter von Jupiter. Ich will euch von Europa erzählen.“

Da lachte Rostja plötzlich. „Du irrst dich, Weltraumsegler. Europa ist auf der Erde.“

„Ich meine nicht unsere Heimat. Jupiter hat anders als die Erde nicht nur einen Mond. Er hat dreiundsechzig an der Zahl. Acht sind aus seiner eigenen Materie entstanden. Die inneren Vier sind nur kleine Felsbrocken, aber manche sind so komplex wie Planeten: Io, Europa, Ganymed und Kallisto. Aber erstmal geht es nur um Europa und ihren Nachbarn Io.“

Er nahm einen weiteren großen Schluck. Er brauchte das Kühle in seinem Rachen. Seine Wangen verloren nicht an Röte. Das Bier wärmte sie nur noch mehr.

„Io umkreist seinen Planeten elliptisch, das heißt, er ist manchmal weiter entfernt und manchmal ganz nah. Die Gravitation ist eine mächtige Kraft. Durch den ungleichmäßigen Lauf des Mondes wird dieser gedehnt und gestaucht. Es entsteht Reibung, es entsteht Wärme. In seinem Inneren brodelt es und die Kräfte drücken das Innere nach Außen. So ist Io der vulkanisch aktivste Körper des Sonnensystems, übersäht mit Vulkanen und Lavaseen. Seine dünne Atmosphäre besteht hauptsächlich aus Schwefeldioxid. Es gibt eine Theorie. Nach dieser gelangt das Schwefeldioxid in das starke Magnetfeld des Jupiters, besser gesagt: die Ionen, geladene Teilchen. Die Schwefel- und Oxid-Ionen werden durch das Feld zu Europa getrieben. Europa hat einen Eisenkern und einen Steinmantel. Darüber lieg ein Ozean aus flüssigem Wasser, tiefer als auf der Erde. Da Europa so weit von der Sonne entfernt ist, besteht die Oberfläche aus dickem Eis. Die gleichen Kräfte, die Io aufheizen, erwärmen auch Europa von Innen und im Ozean herrschen hohe Temperaturen. Ich sage euch jetzt etwas Unglaubliches: Auf Europa herrschen ähnliche Bedingungen wie in den Ozeanen der Erde. Hier ist Leben entstanden. Und dort kann es auch entstehen, vielleicht ist es das auch schon. Und wieso? Weil, nach dieser einen Theorie, die Vulkane des Nachbarmondes Sauerstoff auf die Oberfläche katapultieren, der durch Risse im Eis an das Wasser gelangt. Begreift ihr, wie unwahrscheinlich, zufällig und wunderschön das Universum ist?“

Er blickte in unverständliche Gesichter.