Sie schwiegen. Oljav war gekommen und hatte die leeren Krüge mitgenommen. Das fünfte Bier eines jeden stand zur Hälfte getrunken seit Minuten unangetastet vor ihnen. Sie saßen mit gebeugten Rücken auf den harten Barhockern, bis Rostja sich regte. Er richtete seinen Rücken auf und zog die Schultern nach hinten. Vyta tat es ihm nach und auch der Astronaut rutsche auf seinem Hocker, um seine Haltung zu korrigieren. Genau betrachtet, waren die drei sehr unterschiedlich. Rostja hatte ein Gesicht, das sowohl von Lachfalten als auch von tiefen Furchen durch die harte Arbeit unter Tags durchzogen war. Vyta, dessen zierliche Hände, die einst neben Papier nur feine Geräte anfassten und gekonnt Drähte setzten, von dicken Blasen, Hornhaut und Schmutz, der nicht mehr abzuwaschen war, geprägt waren und ihre Fähigkeit zu Feinarbeit langsam verloren. Und der Astronaut, dessen eh schon wunderlichem Auftreten erst durch tiefe Augen Ausdruck verliehen wurde, die scheinbar nie vor Ort verweilten, sondern stets in eine Ferne blickten, die sonst keiner sah.

„Zwei Uhr“, sagte Rostja.

Der Astronaut blickte auf. Normalerweise waren um diese Zeit die Sprengungen zu hören, die die Erde um die Mine erbeben ließen.

„Keiner wird sprengen“, sagte Vyta. „Wegen dem Brand. Nicht heute Nacht.“

„Ist meine Job“, sagte Rostja stolz.

„Du bist Operatör“, schloss der Astronaut.

„Schlepper fahren und sprengen, das macht er.“ Vyta lachte. „Ich bin Vorarbeiter. Wegen meines Abschlusses.“

Der Astronaut nickte.

„Schweden hat das hochwertigste Eisenerz dank des hohen Magnetitanteils. Wegen der großen Eisen- und Stahlkrise in den Siebzigern wird nur noch in Nordland gefördert. Einst waren es fünfzig Minen, heute gerade mal elf. Ein neues Gesetz in den Neunzigern führte zu einem Bergbauboom. KM gehören die größten Vorkommen, sie machen neunzig Prozent der Eisenerzproduktion aus, fördern täglich rund hunderttausend Tonnen. Als großer staatlicher Konzert konnte KM den fallenden Weltmarktpreis durch einen Abbau rund vierhundert Arbeitsplätze kompensieren.“

„Das stimmt“, sagte Vyta.

Rostja nickte stumm.

Sie schwiegen.

„Es freut mich, dass du auch so viel weißt, über die Erde“, sagte Vyta schließlich.

Die Antwort war ein Schulterzucken.

„Die Erde ist langweilig“, sagte der Astronaut. „Hier kenne ich schon alles.“

Pause.

Dann lachten die Russen.

„Du bist zu weit weg“, nickte Rostja.

„Wenn du dort unten bist, so nah an unserem Planeten, denkst du anders. Es gibt viel da unten. Und nach dem Arbeitstag steigt man auf und sieht noch viel Schöneres“, sagte Vyta.

„Ich träume von weiten, glitzernden Landschaft meiner Heimat“, schloss Rostja.

Der Astronaut lächelte. „Und dennoch“, sagte er. „Ist nicht das Erstaunlichste am Menschen seine Vorstellungskraft? Kann nicht der Mensch nach seinem Wissen nur mit Hilfe seiner Gedanken, synaptischen Verbindungen im Gehirn, Dinge erschaffen, die es vorher nicht gab? Großes erreichen. Ein Schöpfer sein.“ Er lächelte liebevoll. „Genau mit dieser Fähigkeit, mit Visionen, ist es uns möglich, ins grenzenlose Universum zu blicken. Zuerst der Blick auf den Mond und dann noch viel weiter. Wir sind dazu bestimmt, den Blick in die Ferne zu richten.“ Er hielt inne. „Wisst ihr, wie wichtig der Mond war, damit wir überhaupt entstehen konnten?“, fragte er. „Die urzeitliche Erde kollidierte mit einem großen Protoplaneten, einem Asteroid von etwa der Größe des Mars. Dieser bohrte sich tief in die Erde, bis hin zum Kern. Dadurch löste sich ein Teil der Erde und aus diesem Teil entstand mit Teilen des Asteroiden der Mond. Durch den entstandenen Trabanten nahm die Rotationsgeschwindigkeit der Erde stark ab und stabilisierte sich. Nur so war es möglich, dass überhaupt Leben entstehen konnte. Sonst sähe es hier heute so aus wie auf dem Mars.“ Er lachte. „Ist es nicht verrückt. Es hätte auch anders laufen können. Aber es lief so, dass wir entstanden. Ob Gott, der Zufall oder etwas ganz anderes, wer weiß das schon. Aber es lief so und wir richteten den Blick zum Mond und in den Weltraum.“

Ich nehme dich mit, versprach Juri.

Sie schwiegen. Dann ließ Rostja den Kopf in seine Hände sinken.

„Ach Astronaut“, murmelte er. „Mein Blick ist nicht auf Mond. Ist auf Erde. Auf Steine. Ich habe andere Sorgen.“ Er richtete sich auf und sah den Astronauten eindringlich an. „Hier im Norden gibt es nicht Alternativen.“

„Kiruna hat uns nicht viel zu bieten außer den Bergbau“, schloss Vytaan. „Ja, wir sind vor langer Zeit entstanden. Vielleicht durch Gott, vielleicht durch deinen Kometen. Aber ohne Arbeit können wir unsere Familien nicht ernähren.“

„Dann müssen wir hier weg“, sagte Rostja. „Russland. Dort gibt es Minen.“

„Von den meisten Unglücken dort, hört man nicht mehr.“ Vyta lachte trocken.

„Was ist morgen?“, fragte Rostja. „Was war vor langer langer Zeit? Ich nicht weiß.“

„Warst du schonmal dort unten? Tief in der Erde? Umgeben von Stein und altem Holz? Ich bekomme den Staub schon lange nicht mehr von meiner Haut.“ Vyta schob den Ärmel seiner Arbeiterjacke nach oben. Grauer Dreck entwich in die Luft. Der Arm des Russen war bräunlich.

„Ist nicht von Sonne“, lachte Rostja und fuhr sich durch das spärliche Haar auf seinem Kopf.

„Wenn wir morgen wieder hinunter dürfen, müssen wir die eingestürzten Bereiche frei räumen. Das ist harte Arbeit.“ Vyta ließ den Ärmel seiner Jacke wieder hinuntergleiten. „Ist nicht schön, da unten.“

„Ich war schonmal da oben“, sagte der Astronaut. „Ihr müsst nach unten gehen jeden Tag. Es ist eure Heimat, das, was ihr kennt, das, was ihr liebt. Es ist das, was euch fasziniert. Und doch ist es erschreckend grausam. Dunkel und einsam. Ich verstehe das. Ich muss hinauf gehen.“

„Manchmal es ist schön da unten“, sagte Rostja.

„Ich weiß“, sagte der Astronaut. „Manchmal ist es wunderschön da oben.“