Betrat man sie von außen, sah die örtliche Kneipe wenig einladend aus. Die Leuchten an der Wand und auf den alten Holztischen spendeten kaum Licht und durch die milchigen Fenster drang nur die Dunkelheit dieser Tage hinein. Sowieso war zu dieser Zeit im Jahr kaum Licht zu finden. Waren es die Bergarbeiter gewohnt, mit der Dunkelheit umzugehen, genoss der Astronaut die langen Sommertage und spürte die Abwesenheit des Lichts umso mehr. War es ihm möglich, verbrachte er die wenigen Stunden, an denen etwas Helligkeit über die Berge zog, außerhalb der Stadt. Doch wie sehr er das Licht auch genoss, wartete er immer auf die Nacht. Nur sie zeigte ihm die schönsten Farben.

„Licht ist das schnellste, bisher bekannte Phänomen in unserem Universum. Wie ihr sicher wisst, ist nichts schneller als Lichtgeschwindigkeit. So wundert es mich doch, dass es mein Auge nicht zu erreichen scheint“, sagte der Astronaut lächelnd.

Rostja schnaubte trocken. „Es ist gleich jedes Jahr. Und jedes Jahr es wundert die Leute.“ Er leerte seinen Krug zügig und griff nach dem neuen.

„Heringe helfen“, sagte Vyta.

„In der frühen Phase des Universums war es auch dunkel“, antwortete der Astronaut. „Die Photonen konnte keine langen Strecken zurücklegen, ohne mit einem Elektron zu kollidieren. War das passiert, musste das Photon seine Energie an das elektrisch geladene Teilchen abgeben, wurde absorbiert und in eine andere Richtung wieder freigelassen. Doch unser Universum kühlte nach dem Urknall ab und die Elektronen wurden in Atomkernen gefangen. Durch diese Einbindung in die Atome wurde den Photonen ein weiter Raum eröffnet und sie konnten sich über lange Distanzen bewegen. Das vorher undurchsichtige Universum wurde durchsichtig.“

Der Astronaut nahm einen großen Schluck kaltes Bier, das in seinem Rachen und an seinen Schneidezähnen brannte.

„Du hast viel Wissen über das Universum“, sagte Vyta. Auch er trank noch an seinem ersten Krug.

„Unsere größte Quelle für Licht ist die Sonne. Wie alle Sterne besteht sie aus Gas und ist so groß, dass sie Millionen an Erdkugeln verschlucken könnte. Außen beträgt die Temperatur der Sonne 5.600 Grad Celsius. Kaum vorstellbar. Doch innen im Kern erreicht sie an die 15 Millionen Grad.“

„Das ist heiß“, sagte Rostja und rülpste in seinen Handrücken.

Der Astronaut nickte. „Das ist heiß. Die Sonne besteht aus 70 Prozent Wasserstoff. Er ist der Brennstoff des Sterns. Im Inneren eines Sterns ist es so heiß, dass Elektronen aus den Wasserstoffatomen gerissen werden und unvollständige Atome zurückbleiben. Kollidieren die Atome entsteht Helium. Masse geht verloren und es entsteht Energie. Das ist die Strahlung. Und sie strebt nach außen. So gelangt sie in die sogenannte Strahlungszone, nah am Kern. Die Strahlung trifft auf dichtes Gas, heizt es auf und verliert dabei viel Energie. Nur schwer kommt sie überhaupt durch und wenn sie es geschafft hat, ist der Verlust an Energie bereits groß.“

„Was kommt noch bei uns an?“, fragte Vyta.

Der Astronaut lächelte. „Die Strahlung gelangt anschließend in die Konvektionszone. Dort herrschen starke Gasströme bei zwei Millionen Grad. Die Ströme fördern die Strahlung weiter nach außen und am Rand der Zone kühlt das Gas schnell ab und sinkt zum Kern. Und es geht von vorne los, wird aufgeheizt. In der äußersten Zone, der Photosphäre herrschen nur an die sechstausend Grad. Sie ist hundert Kilometer dick und bildet die sichtbare Oberfläche der Sonne. Von dort aus reist die Lichtenergie in den Raum. Und zu uns.“

Prikrasna“, murmelte Rostja. 〈Toll.〉

„Irgendwann ist all der Wasserstoff in unserer Sonne verbraucht. Dann erlischt sie. Unsere Sonne fällt von Innen in sich zusammen, während die äußere Hülle sich ausdehnt. Unser Stern wird viel größer, zu einem Roten Riesen. Die Hülle aus Gas löst sich und wird zu Nebel. Was übrig bleibt, nur ein Bruchteil der ursprünglichen Materie, wird Weißer Zwerg genannt. Kaum größer als die Erde. Bleibt zurück, um Milliarden Jahre lang weiter zu glühen.“

„Dann bleibt ja immer etwas. Ein schöner Gedanke“, sagte Vyta.

„Die Sonnen unseres Universums entwickeln sich ganz unterschiedlich“, antwortete der Astronaut. „Manche werden zu Weißen Zwergen, andere zu Braunen. Aus manchen entstehen Neutronensterne, unvorstellbar dicht gepresst. Was aus ihnen wird, bestimmt die Masse.“

„Du weißt viel“, sagte Rostja. Er streckte seine Hand aus, zog sie vorbei an Vyta, der sich zurücklehnte, um Platz zu machen, passierte die Bierkrüge und packte den Astronauten an einer Stelle zwischen Hals und Schulter, dicht an der roten Fliege, die schief und schlaff am Kragen hing, im festen Griff. „Weißt du, was ich nicht weiß, ich weiß nicht über die Lichter am Himmel. Woher sie kommen. Meine Tochter hat gefragt.“

Der Astronaut, erschrocken über die plötzliche Nähe der Berührung, doch außer Lage sich daraus zu befreien, stammelte: „–was?“

„Er meint die Polarlichter“, sagte Vyta und klopfe mit dem Handrücken gegen den Arm, der vor seinem Kinn den Weg zum Bier versperrte.

Rostja ließ ab. „Weiß er das, der kosmonavt?“, sagte er zu seinem Landsgenossen gewandt. „Dawai gawarij.“ 〈Sag schon.〉

Deine lächerliche rote Fliege hängt schief, sagte Juri leise.

Der Astronaut zog an seiner Fliege, die jedoch keine eindeutige Position einnehmen wollte. Die Russen beobachteten ihn dabei.

„Wir können nur schätzen, wie viele Sonnen unsere Galaxie umfasst. Einige hundert Milliarden Sterne werden es sein. Sonnen stoßen Teilchenstrahlung aus Elektronen und Protonen in das Weltall, die sogenannten Sonnenwinde oder auch -stürme. Doch die Polarlichter haben viel mehr mit unserer Erde zu tun. Denn: Der Sonnenwind trifft auf das Magnetfeld und verformt es dabei. Die, zur Sonne gewandte Seite wird durch die Kraft der Teilchenstrahlung gestaucht, während es die der Sonne abgewandte Seite mehrere Millionen Kilometer in den Weltraum drückt. Der Sonnenwind wird abgelenkt und die Elektronen und Protonen strömen in verschiedene Richtungen. Steht die Sonne im Süden, sammeln sich die Elektronen im Westen, die Protonen im Osten. Das Magnetfeld bildet aus den Teilchen Ladungswolken, zwischen denen ein elektrisches Feld entsteht, das von Ost nach West über Nord und Süd strömt, also über die beiden Polarregionen. Dort reagieren die geladenen Teilchen mit der Atmosphäre der Erde. In achtzig bis hundertfünfzig Kilometer Höhe treffen die Elektronen vorwiegend auf Sauerstoffatome. Die Elektronen laden die Atome elektrisch auf. Sie geben einen Teil ihrer Energie an die Atome ab und schieben dabei atomeigene Elektronen auf eine höhere Stufe, die jedoch wieder abfallen, was Energie freisetzt. Das mündet in elektromagnetischer Strahlung, also Licht. Bei Sauerstoffatomen sehen wir es grün. In hundertfünfzig bis sechshundert Kilometer Höhe besteht die Atmosphäre zum Großteil aus Stickstoffatomen, hier entstehen rote und blaue Lichter. Der Sonnenwind wird durch das magnetische Feld der Erde abgelenkt und bringt die Moleküle in der Atmosphäre zum Leuchten.“ Seine Hände, welche die Erklärungen unruhig begleitetet hatten, sanken abrupt in seinen Schoß. Kaum war der Astronaut verstummt, lag Stille über den drei Gesellen, in der nur die Gespräche der anderen Barbesucher als monotones Brummen zu hören waren. Der Astronaut blickte auf einen Wassertropfen, der am Rand seines zweiten Kruges vor ihm langsam in Richtung Holz der Barplatte glitt.

Heute Nacht sind sie über dem Kiirunavaara zu sehen, sagte Juri. Vielleicht sollten wir später hinaufsteigen.

Er hatte den Vortrag des Astronauten aufmerksam verfolgt. Er lächelte.

Der Astronaut blickte bei Juris Stimme auf. Dann sagte er: „Aurora borealis heißen die Polarlichter hier im Norden.“

Rostja brummte etwas für den Astronauten Unverständliches, wahrscheinlich auf Russisch.

„Das ist ein schöner Name“, sagte Vyta. „Meine Frau heißt Aurora. Ich werde es ihr erzählen.“

„Was ich meiner Tochter sagen“, fragte Rostja mit verkniffenem Gesicht.

„Dass Polarlichter durch Teilchen entstehen, die von der Sonne auf unsere Erde gestrahlt werden und unsere Atmosphäre zum Leuchten bringen“, sagte Vyta.

Rostja nickte zufrieden und griff nach seinem Krug.

Wieder verfielen sie in Schweigen, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Der Blick des Astronauten wanderte zum Fenster und von dort an der Wand entlang. An den Bildern blieb er hängen, hatte er sie doch schon so oft gesehen. Eine Fotographie zeigte die alte Holzkirche Kirunas, den Stolz der Stadt. Gustaf Wickmann hatte sie 1912 aus Birkenstämmen erbaut. Der Bau bestand aus verschieden großen Dreiecken, die sich ineinander schoben. Der Astronaut würde das Gebäude nicht als Kirche erkennen. Sah man genau hin, fiel der Blick auf die vielen goldenen Statuen auf dem Dach des Baus, die sich vom rötlichen Holz abschieden. Sie symbolisierten menschliche Gefühle – Zärtlichkeit, Mitleid, Verzweiflung. Im schwachen Licht der Lampen waren sie nicht auszumachen. Links neben der Fotographie, vom Fenster weg, hatte Oljav ein Ölbild eines hiesigen Malers aufgehängt. Es zeigte den romantisierten Kiirunavaara in prächtigen Farben. Grubenmaschinen fehlten und auch die Stufen im Berg waren weniger stark ausgeprägt, als sie es in Wirklichkeit waren. Würde er auf die Straße vor der Bar treten, könnte er den Erzberg in der Nacht leuchten sehen, denn entlang der Stufen hatten die Bergarbeiter Lichter angebracht, um die Wege zu markieren. Manchmal stiegen Rauchwolken hinter den Stufen hervor, die von den Lichtern rötlich gefärbt wurden. Die Malerei zeigte nichts davon. Auf dem Gipfel des siebenhundertneunundvierzig Meter hohen Berges hatte man einen guten Blick auf den See und die umliegende Landschaft. Ab und an stieg der Astronaut gerne hinauf, um Polarlichter zu beobachten oder auf die Stadt hinunter zu sehen. Meist suchte er sich jedoch abgelegenere Hügel, wo keine Leuchten ihn störten. Dort beobachtete er Nacht für Nacht die Lichter der Milchstraße.

„Das All ist grenzenlos schön“, sagte der Astronaut unvermittelt. „Licht und Farben und nichts, das unmöglich ist.“