„Eines Tages blickte der Mensch nach oben. Er richtete seine Wahrnehmung weg von seiner Welt, von den Sorgen des Alltags, der Schwere und dachte sich, jetzt will ich das Unglaubliche sehen.“ Der Astronaut nahm seinen letzten Schluck. „Am 12. April 1961 verlässt Juri Alexejewitsch Gagarin als erster Mensch in einem Raumschiff die Erdatmosphäre. Jahre später, im Juli 1969 betraten die Menschen den Mond. Seitdem richten Forscher ihren Blick jeden Tag weiter hinaus. Doch mit dem Blick zum Mond fing es an. Und mit einem Menschen. Das Verlassen der Erde.“

Plötzlich drehte sich der Astronaut auf seinem Hocker hin zu Vyta und ergriff dessen Schulter. „Weg von der Erde“, rief er. „Durch Raum und Zeit. Weg vom Licht, weg vom Vertrauten. In die Dunkelheit. Keine Sorgen.“

Er begegnete dem Blick des Barmanns, am Ende des Raumes. Für ein paar Sekunden sahen sie sich an, dann reichte der Barmann einem Arbeiter im Eck einen Krug Bier. Der Arbeiter erzählte aufgebracht vom heutigen Beginn des Umzugs der Holzkirche. Der Pub war immer noch gut gefüllt und die Luft stand.

„Könnt ihr euch vorstellen, wie das ist?“, sprach der Astronaut. Den Blick unbestimmt zwischen seine Gefährten gerichtet. Seine Hand glitt langsam von Vytas Schulter. „Die Atmosphäre zu verlassen. Raus aus dem Orbit. Vorbei am Mond. Man löst sich von der Erde. Ohne Schwere. Ohne Staub. Nichts, das einen hält. Kein Kummer. Vor sich die Unendlichkeit.“

Keiner sagte ein Wort.

„Stellt es euch vor“, flüsterte der Astronaut. „Nur für einen Moment.“

Der Mann im hellbraunen Sakko richtete seine müden Augen auf die beiden Arbeiter, die bedeckt von Dreck und harter Arbeit mit gebeugtem Rücken auf den Barhockern saßen. Alles, was sie kannten, lag tief unter der Erde zwischen Stein und Staub. Und erdrückender Schwere.

„Sobald ihr die Erde hinter euch lasst, gibt es nichts mehr, das euch hält. Ihr seid ohne Last. Frei. Grenzenlos. Vor euch liegt die Weite, das unendliche Universum. Das unendliche Nichts. Kein Boden. Kein Himmel. Keine Wände, die euch halten. Kein Gott. Und dann, irgendwo am Mond vorbei, seht ihr zurück. Ihr seht zurück und seht alles, was ihr wart, was ihr sein wolltet und jemals gewesen wärd. Unter euch die Städte. Die Lichter der Fabriken, der Häuser, der Straßen. Dann wollt ihr zurück. Doch es gibt keine Wände. Keinen Himmel. Kein oben, kein unten. Keinen Gott. Ihr könnt es nicht erreichen. Könnt es nicht mehr sehen. Könnt es nicht mehr fühlen. Vergesst die Zeit und vergesst, wer ihr seid. Ihr verliert das Gewicht auf eurer Haut. Es gibt nichts mehr, das euch hält. Dann. Dann betet ihr für Wände, betet für Last auf eurer Haut. Und werdet zu Staub und zu Licht. Spürt nur noch die Nacht, die vorübergehenden Lichter. Und dass nichts mehr euch hält.“

Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. Sanft und doch schwer. Die Wärme ging durch sein Sakko, durch sein Hemd und ruhte auf seiner Haut.

„Zeit zu gehen, jo?“, sagte Oljav. „Ich schreib’s auf.“

„W-“, raunte Vyta. „Wir übernehmen.“

Da“, sagte Rostja leise. 〈Ja.〉

Oljav nickte. „Hoffentlich habt ihr morgen noch Arbeit.“ Er schnaubte, hob die Hand an die Stirn zum Dank und richtete seinen Blick abermals auf den Astronauten. Kurz blieb er ruhen, sanft und vertraut. „Heja“, sagte der Barmann dann, drehte sich um und machte sich auf den Weg hinter die Bar.

„Es ist schon spät“, sagte der Astronaut. „Ich werde jetzt gehen. Ich danke für eure wunderbare Gesellschaft, Arbeiter.“ Er beugte sich vor, ergriff die raue Hand eines jeden, drückte sie und sprang auf. Er schwang seine Daunenjacke, richtete Sakko und Fliege, schob den Hocker zurecht und machte sich auf, Richtung Türe. Ein paar Schritte weiter, blieb er stehen und drehte sich um. Die Blicke der Russen waren auf ihn gerichtet.

„Manchmal braucht man etwas Schweres“, sagte er leise, kaum wahrnehmbar. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Danke für das Bier“, rief er laut. „Und seid so gut, richtet euren Blick nach oben für mich!“ Er verschwand durch die Tür in die Kälte der Polarnacht.

Langsam drehten sich die Arbeiter einander zu. Rostja zuckte mit den Schulter. „Kosmonavt.“

Vyta runzelte die Stirn. „Lass mich zahlen. Ich hab das Bier heute wirklich gebraucht. Dann lass uns gehen, die Frauen warten.“ Er rief nach Oljav und reichte ihm etwas Geld aus der rechten Innentasche seiner dicken Jacke.

„Ein wunderlicher Mann, der Astronaut“, sagte er.

„Astronaut?“, der Barmann lachte müde. Ein trauriger Zug legte sich in die tiefen Falten seines Gesichts. „Ist wie’s ist“, sagte er leise.

Oljav verstaute das Geld und machte eine letzte Runde durch den Pub. Bald würde er schließen. Morgen war ein neuer Tag und pünktlich zum Schichtende würde es wieder voll werden. So wie jede Nacht in Kiruna, wenn es die Arbeiter tiefer in die Bar trieb und ein Mann im Sakko vom Universum erzählte.

Ich nehme dich mit. Hinaus in die Nacht. In das Licht der Sterne, sagte Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltraum.